Umwelt Ab 2012 dürfen im
Spreewald nur noch Elektromotoren laufen
Bye-bye, Benzinmotor: In anderthalb Jahren sollen
Elektromotoren die Kähne durch die Fließe manövrieren. Fährleute und Angler
haben Angst vor hohen Umrüstkosten.
Von Torsten Gellner
POTSDAM Wenn Burkhard Herzke den Kahn voller Leute hat und zur Tagesfahrt
von Lübben nach Schlepzig (Dahme-Spreewald) aufbricht, muss er schon mal den
Motor anwerfen. Zwar trägt sein Fährmannsverein den schönen Namen „Flottes
Rudel“, aber allein mit der langen Ruderstange lässt sich die Strecke nicht
bewältigen. Kein Problem für Herzke, wenn der Sprit unterwegs ausgeht. „Dann
geb ich vier, fünf Liter Benzin rein und weiter geht’s“, sagt der Lübbener.
„Mit Batterieantrieb wäre die Fahrt zu Ende.“
Allmählich müssen sich der Vereinsvorsitzende Herzke und seine 22
Fährmannkollegen vom Benziner verabschieden. Ab 1. Januar 2012, so will es ein
Erlass aus dem Potsdamer Umweltministerium, dürfen nur noch Kähne und Boote mit
Elektroantrieb durch den Spreewald schippern. Die Vorschrift hat einen langen
Bart, stammt von 1997 und sollte bereits seit drei Jahren in Kraft sein. Doch
in einer ersten Testreihe erwiesen sich die Motoren samt den zentnerschweren
Batterien als nicht alltagstauglich.
Seit Anfang Mai läuft nun eine neue Testrunde mit ausgewählten Jägern, Anglern
und Fährleuten. 67 Tester bewarben sich, 20 wurden ausgelost. Jeder soll den
Elektroantrieb mindestens eine Woche testen. Auch diese Testreihe hätte früher
beginnen sollen.
Doch die Beschaffung der Batterien hatte den Zeitplan weiter
durcheinandergewirbelt. „Der Markt ist derzeit so stark nachgefragt, dass wir
große Probleme hatten, überhaupt einen Batteriesatz zu bekommen“, sagt Eugen
Nowak, Leiter des Biosphärenreservats Spreewald. Ob also in anderthalb Jahren
alle rund 400 betroffenen Kähne überhaupt umrüstbar wären, steht in den
Sternen. Aber der Termin, sagt Nowak, sei nicht das Entscheidende. „Wichtiger
ist es, dass wir uns mit neuen, umweltfreundlichen Technologien
auseinandersetzen. Wir wollen nichts mit Gewalt durchsetzen.“
Genau davor fürchten sich Angler, Fährleute und Jäger in der Region. denn die
Umrüstung ist teuer. Rund 8000 Euro, hat Burkhard Herzke ausgerechnet, würde
der Umstieg auf Elektroantrieb kosten – pro Kahn. Er und seine Kollegen wollen
sich der Technik nicht grundsätzlich verschließen. „Wir warten jetzt erstmal
ab, was die Ergebnisse zeigen.“ Den Zwang zur Umrüstung hält er aber für
falsch. „Wenn sich die Technik als zuverlässig und wirtschaftlich erweist, wird
sie sich auch ohne Erlass durchsetzen“, sagt er. Außerdem glaubt er nicht, dass
der Elektroantrieb große ökologische Vorteile mit sich bringt. Meist seien
heute kaum noch „Stinker“ unterwegs, sondern moderne Viertaktmotoren, die der
strengen „Bodenseenorm“ entsprechen. Die Lübbener
Landtagsabgeordnete Sylvia Lehmann (SPD)sieht das ähnlich. „Wenn die Entwicklung der Motoren
vorangeht und die Technik entsprechend günstiger wird, regelt der Markt das von
alleine“, sagt sie und warnt davor, eine Entscheidung übers Knie zu brechen.
Auch der Vorsitzende des Kreisanglerverbandes Lübben, Falkner Schwarz, zeigte
sich kürzlich beim Fischereitag im Namen seiner rund 1500 Anglerfreunde
skeptisch. Angesichts der Umrüstungskosten forderte er, den Erlass
zurückzunehmen.
Reservatsleiter Nowak betont, dass die Umrüstpflicht unter technischem und
wirtschaftlichem Vorbehalt steht: Wenn sich etwa das Manövrieren mit dem
Elektroantrieb als zu problematisch oder die Batterien als zu teuer erweisen,
müsse man über 2012 noch mal reden. Ob und wie die Fährleute, Fischer und Jäger
bei der Anschaffung der teuren Technik finanziell unterstützt werden, ist
offen.
Eugen Nowak glaubt, dass nicht nur das Ökosystem von der Elektrifizierung der
Kahnfahrt profitieren wird. „Das Reservat ist eine Modellregion in Sachen
Nachhaltigkeit“, sagt er. Der Spreewald könne durch die neue Technologie nur
noch attraktiver für seine Gäste werden.